Aus meiner eigenen Vita - lange unter hoher Anspannung und Druck gearbeitet und dann in den Vorruhestand gefallen - kann ich sagen, dass längerfristiger beruflicher Stress einen schnell verändern kann. Ohne dass man das je merken würde, solange der Stress nicht einige Zeit beendet wurde. Bei mir war es u.a. Kontrollwahn. Alles immer 110%, bloß nichts übersehen, bloß keine Schwachstelle, alles geplant durchtreiben. Das nahm ich aber auch in's Privatleben mit. Ohne es zu merken. Und die Familie litt darunter. Was ich nicht nachvollziehen konnte.
Bin jetzt 2 Jahre aus dem aktiven Berufsleben raus - meine Firma (Autoindustrie) begann stark zu reduzieren und bot einen Sack Geld, den ich nicht ablehnen konnte - und über die vielen Monate änderte sich das Leben sehr stark. Früher musste ich z.B. abends immer die Nachrichten schauen. Wie viele andere Sachen auch. Diese "Termine" mussten unbedingt eingehalten werden, da durfte niemand reinquatschen oder anderweitig stören. Talkshows, Comedy, Filme, alles Ablenkungen, der Kopf wollte es, brauchte es, und da wurde ich schon mal patzig, wenn mir da jemand die Planung versemmelt. Heute sind mir diese ganzen Dinge sch...egal geworden. Ja ich freue mich sogar, wenn im Fernsehen nichts Interessantes läuft, dann muss ich mir das nicht antun. Und ich freue mich über jeden leeren Tag im Kalender. Weil jeder Termin, sei er noch so trivial, Anspannungen auslöst, die ich gar nicht mehr haben will. Hatte ich über 25 Jahre, brauche ich nicht mehr in meinem Leben. Weil es mich wieder kaputtmachen könnte.
Weshalb ich das erzähle: JP hat mit Sicherheit seit vielen Jahren 24/7 Vollgas gehabt im Leben. Ohne das baust du nicht so ein Unternehmen auf. Es gibt nur wenige Leute, die so etwas auf Dauer aushalten. Das sind dann die geborenen Managertypen. Die, die nahezu nichts aus der Ruhe bringt, trotz Vollgas. Der Rest, der hat eine mehr oder weniger begrenzte Batterie. Irgendwann entleert die sich immer mehr und dann verändert man sich, es kommt schnell zu Ärger, Frust und möglicherweise sogar Depressionen, wie auch bei mir. Auf dem Weg "abwärts" kanalisiert man die Probleme, in die eine oder andere Richtung. Möglicherweise hat ihn seine Frau so kräftig genervt, geärgert, dass ihm die Sicherung durchgebrannt ist. In solchen Momenten zeigt sich, wie ein Mensch im Kern ausschaut. Es brechen Eigenschaften hervor, die man selbst gar nicht erwartet hätte. Wenn man es denn überhaupt wahrnimmt.
Ich mochte JP nie wirklich, das ist aber egal. Aber ich bewundere, was er alles aus dem Boden gestampft hat. Das ist bemerkenswert. Muss man aber aushalten können. Mit jeder Million im Unternehmen wird es nicht einfacher. Wenn ich lese, wieviel Firmen und Mitarbeiter da inzwischen vorhanden sind, das musst du erst einmal aushalten können. Geht eine Weile gut, und dann kann es auch schnell mal schiefgehen. Die einen packen sowas aus Dauer, die meisten aber nicht.
Kann nicht bewerten, was da zwischen den beiden los war. Ist auch nicht meine Sache. Wenn ich aber sehe, dass er im letzten Video anfängt zu weinen, erinnert mich das an meinen Zusammenbruch 2020. Da stand ich beim Arzt an der Rezeption und konnte gerade noch ein "muss dringend zum Arzt" rausdrücken. Als (wegen Corona-Stress) die etwas barsche Frage zurückkam "weshalb denn?", ging die Kehle zu und ich begann zu flennen. Ein Teil von mir brach zusammen, ein anderer Teil in mir verstand gar nicht, was da gerade passiert.
Stress macht viele Menschen kaputt. Bringt sie immer mehr an ihre absolute Grenze. Bewusst wird einem das häufig aber erst, wenn es irreparable Schäden gibt. Hoffentlich packt er es. Denn auch das von 100 auf 0 ist nicht einfach. Ich selbst habe das immer noch nicht drin, mache mir immer wieder Vorwürfe, dass ich beruflich nichts mehr zu tun habe.
Wenn ihr das hier lest und denken solltet "so ein Blödsinn", dann seid ihr zu beneiden. Aber diejenigen, die täglich Vollgas geben, und den Stress irgendwie schon spüren und benennen können, werden irgendwann im Ruhestand vielleicht ähnliche Erfahrungen machen. Das Leben ändert sich auf einmal grundlegend. Und dieser Übergang ist nicht einfach.